Herz-Jesu-Berg-Kapelle - Zeugnis von drei Jahrhunderten Frömmigkeit


Text: Helmut Schnalzger, in Ausschnitten zusammengestellt von Dominik Störk.

(Fotos: Dominik Störk. Für Großansicht der Bilder auf unterstrichene Textstellen klicken.)

Unsere traute Waldkapelle auf dem Berg, die von so vielen Menschen aufgesucht wird, um in der Stille mit sich allein zu sein, zu beten und wieder ins Reine zu kommen, verdankt ihre Entstehung einem Gelöbnis der Klosterfrauen von Urspring, weil sie in der schweren Zeit des spanischen Erbfolgekrieges (1701-1714) den ganz besonderen Schutz des Himmels erfahren durften.

Im Jahre 1702 wurde Oberschwaben völlig unerwartet zum Kriegsschauplatz, weil unsere bayerischen Nachbarn sich mit den Franzosen verbündeten. Sie überrumpelten die nahe Festung Ulm und verheerten plündernd und brennend die weite Umgebung. Als auch einige in unserem Achtaal erscheinen, kamen Schelklingen und Urspring in größte Gefahr. Um den groben Belästigungen durch die rohe Soldateska zu entgehen, floh die greise Äbtissin Gertrud Schenk von Castell am 3. Mai 1702 mit der Mehrzahl der Klosterfrauen in die Schweiz. Nur die beherzte Priorin blieb mit einigen Schwestern da. Auf der stürmischen Überfahrt über den Bodensee verloren die fliehenden zu ihrem Leide wertvolle Klosterheiligkeiten und unersetzliche Dokumente.



Als die kaiserlichen Truppen die Festung Ulm wieder zurückgewannen und am 13. August 1704 den Feind bei Höchstädt vernichtend schlugen, konnte unsere Urspringer Klosterfamilie unbesorgt die feste Burg Karrersholz bei Rorschach (wahrscheinlich wie Heimat der Priorin?) wieder verlassen und am 3. Oktober die Heimreise antreten. (...)

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Die neugewählte Äbtissin wollte zuerst ihr Gelöbnis einlösen. Ihr lebenskluger Berater in schwerer Zeit, Pfarrer Kruchenberger von Schmiechen, regte den Bau einer Kapelle auf dem damals noch kahlen Lützelberg an und spendete sofort zum Grundstück 100 Gulden. Ihr tieffrommer Beichtvater, P. Beda Summerberger, später Abt von Zwiefalten, gab den Rat, sie dem Hl. Herzen Jesu zu weihen, dessen Verehrung damals gerade aufkam. Gesagt, getan. Die Äbtissin gab aus ihrer Privatschatulle die Mittel und der junge, hoffnungsvolle Pater Anselm Storr aus Zwiefalten (1676-1712), Architekt und Bildhauer zugleich, bekam den Bauauftrag. Das heute unter hohen Waldbäumen lauschig verborgene Barockkirchlein mit dem schönen Volutengiebel, mit der über dem Eingang aus Stein gehauenen ein Meter großen Statue des hl. Josef und innen das fein stukkierte Schiff mit dem entzückenden Chörchen, zu dem der damalige Klosterprior Theoger Hirt schon am 9. Juni 1708 den Grundstein legte und noch am gleichen Tag nach den Plänen von Pater Anselm mit dem Bau begonnen hat.



Das kunstvoll geschnitzte, reich vergoldete Barockaltärchen hat das von einem Wolkennimbus umgebene Herz Jesu in der Mitte, das vom Farblicht des Chorfensters geheimnisvoll umflutet wird. Darüber schwebt Gottvater mit der Weltkugel und zu beiden Seiten zwischen den Altaraufsatzsäulen knieen anbetend Maria und Johannes die ihre mystisch entflammten Herzen dem göttlichen Herzen hinhalten, Dieses prächtige Altärchen, so wie es heute noch steht, ist nach noch vorhandener Rechnung zum Preis von 206 Gulden 46 Kreuzer ein eigenhändiges Werk des jungen Künstlermönchs Pater Anselm Storr, das von seiner mystischen Frömmigkeit noch heute Zeugnis ablegt. Leider verunglückte er schon drei Jahre danach allzufrüh tödlich auf einer Baustelle. So ist unsere Herz-Jesu-Kapelle sein erstes und letztes Werk zugleich.



Bereits am 18. August 1709 feierte P. Anselm Schue, Pfarrer in Ingoldingen, später Prior in Urspring unter großer Beteiligung des Volkes den ersten Gottesdienst und Festprediger war P. Beda Summerberger, der große Förderer der Herz-Jesu-Verehrung. Im folgenden Jahr, am 28. September 1710, wurde die Kapelle von Abt Michael aus St. Georgen wiederum mit großer Feierlichkeit benediziert. Das Pontifikalamt mußte wegen der ungewöhnlich zahlreichen Beteiligung der Gläubigen im Freien stattfinden. (...)

Im Jahre 1711 verließ Papst Clemens XI. allen, welche die Kapelle am Sonntag nach der Fronleichnamsoktav besuchen und die sonst vorgeschriebenen Bedingungen erfüllen einen noch heute gültigen Ablaß.

Am 29. November 1719 endlich wurde das Votiv-Kirchlein vom Konstanzer Weihbischof Ferdinand Konrad de Geist a Wildegg – 2 Tage nach der Ehinger Konviktskirche – feierlich konsekriert, d.h. eingeweiht. Als Kirchweihtag wurde der Freitag nach dem St. Lukastag (18. Oktober) bestimmt.

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Der Altar der Kapelle wurde zu Ehren des allerheiligsten Herzen Jesu und der allerseeligsten Jungfrau Maria und des Hl. Johannes des Evangelisten geweiht. Im Altar soll ein Stein vom Fels des Ölberges eingelassen worden sein. Damit mag es wohl zusammenhängen, daß am Fuße des Altars, auf dem sogenannten Antependium, ein Bild Jesu am Ölberg angebracht wurde. (...)

Die Äbtissin ließ auch einen zwar steilen aber schönen Stationsweg anlegen, der vom Kloster zur Herz-Jesu-Berg-Kapelle hinaufführte. (1931 wurde er einfacherhalber unter Stadtpfarrer Buck zur Stadtseite hin verlegt).



Nur zwei Generationen lang durften sich die Urspringer Klosterfrauen und das gläubige Volk im Frieden dieses stillen, weihevollen Hortes der Frömmigkeit auf dem Berge erfreuen, da brach die Säkularisation d.h. die Aufhebung der Klöster, herein. Am 3. Juli 1806 ereilte auch Urspring das langgefürchtete Schicksal. Ohne Nachsicht und Gnade hat der selbstherrliche König Friedrich I. von Württemberg das 700-jährige Benediktinerinnenkloster Urspring (1127-1806) kurzerhand aufgehoben. Die Klosterfrauen zerstreuten sich und der schöne alte Klosterbesitz wurde sinnlos in alle Welt zerstreut.

Am 29. September 1806 wurde auch unsere Herz-Jesu-Kapelle samt Klause und Stationsweg auf den Abbruch versteigert, die sich der Klosterverwalter Joh. Melchior Güting erstand. Bei seinem Tode hinterließ er sie seinen Erben. Da diese mit dem seltsamen Erbe nicht anzufangen wußten, schenkten sie es dem noch in Urspring lebenden, letzten Prior des Kloster, P. Paul Erhard aus dem Kloster Wiblingen.

Dieser vermachte die Kapelle samt Stationen auf seinem Sterbebett (+7. August 1836) testamentarisch der Pfarrgemeinde Schelklingen, mit dem ausdrücklichen Vermerk: Kapelle und Stationen nicht abzubrechen, bis sie ohne Gefahr des Einsturzes nicht länger stehen können. (...)



Das um 1420 entstandene Pieta-Wallfahrtsbild aus der Klosterkirche kam im Jahr 1834 in die Kapelle. Eine fromme Frau aus Urspring brachte das von ihr still verwahrte hochverehrte alte Pieta-Wallfahrtsbild in die Kapelle zur Sühne, weil ihr Mann einen Frevel an der Kapelle begangen hatte. Die Muttergottes bekam zuvor eine neue Krone.

Jetzt wurde die Bergkapelle wieder das Ziel vieler Pilger und die unterbrochene Wallfahrt blühte wieder schnell auf.

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Im Jahr 1852 bekamt die Kapelle auch ein Glöcklein mit dem Ton „a“. Dieses Glöcklein ist im Jahre 1861 zersprungen. Es wurde bei der ersten Renovierung [1862] gegen ein neues ausgetauscht. (...)

Vom Mai 1893-10.9.1893 mußte die vielbesuchte Kapelle durch die Bemühungen des damaligen Stadtpfarrers Otto Türk eine gründliche Renovierung erfahren. Es wurden Bodenplatten gelegt von der Firma Dopfer aus Wasseralfingen. Der Chor wurde vom Schiff, durch ein kunstvoll gearbeitetes Eisengitter von Schlossermeister Müller aus Schelklingen, getrennt. Es wurden vom Glaser Hepperle Schelklingen neue Fenster eingesetzt. Die ganze Kapelle, besonders das mit feiner Ornamentik reich gezierte Chörchen, wurde herrlich ausgemalt (Deckengemälde im Chor). Dazu kam eine nicht zu übersehende Zierde des ganzen Bildes ohne Zweifel die im Schiff angebrachten Kreuzweg-Stationsbilder, welche besonders in ihrem geschnitzten Barockrahmen einen namhaften Wert repräsentieren.

Sie wurden von Martin Kohn aus Schelklingen für die Herz-Jesu-Berg-Kapelle überlassen. (...)

Die Zahl der Wallfahrer stieg von Jahr zu Jahr und erreichte den Höhepunkt während und nach dem 1. Weltkrieg. (...)



Am 17.03.1918 erhielt die Muttergottes der Pieta auf dem Herz-Jesu-Berg ihre dritte Krone, gestiftet von Frau Anna Müller geb. Keller (Kronenwirtin). Sie wurde von dem Goldschmied Josef Seitz aus München zum Preis von 90 Mark angefertigt. (...)

Am Rosenkranz-Sonntag, 05.10.1919 fand die 200 Jahrfeier der Konsekration der Kapelle statt. Weihbischof Dr. Johannes Baptista Sproll war mit auf dem Herz-Jesu-Berg. Die Kapelle erfuhr im Jahre 1931 wieder eine verständnisvolle Erneuerung.

Im Jahre 1934 mußte die in den vergangenen schweren Zeiten ganz besonders verehrte alte Urspringer Pieta aus Sicherheitsgründen aus der Kapelle entfernt und im Hl. Geist Spital bei den Ehrwürdigen Schwestern aufbewahrt werden.

Seit dem Jahre 1966 befindet sich die Pieta in unserer Pfarrkirche. Die bisherige St. Konradskapelle wurde während eines feierlichen Gottesdienstes (zelebriert von Pater Ingbert Müller) als Gnadenkapelle der schmerzhaften Muttergottes geweiht. Dort fand das altehrwürdige Gnadenbild einen neuen Platz.

So mancher findet sich im Laufe des Tages bei der Schmerzensmutter ein, um ihr seine Anliegen vorzutragen und um ihre Gnaden zu bitten.

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Die Barock-Kreuzweg-Stationsbilder von Martin Kohn in der Kapelle wurden im Jahre 1949 von Stadtpfarrer Dr. Ernst Hofmann nach Rottenburg in die Weggental-Wallfahrtskirche verschenkt.

Im Jahre 1962 wurde die Kapelle wiederum renoviert. (...) Bei der Renovierung wurde der Altar neu gefasst und barockisiert. Sie Säulen am Altar wurden marmoriert. (...)

Im Jahr 1968 wurde an den Platz der früheren aus dem Kloster Urspring stammenden Pieta (1934 aus Sicherheitsgründen aus der Kapelle entnommen) eine Kopie der Beuroner Pieta gestiftet (Herr Hecht mit Kirchengemeindemitglieder). (...)



Die Figuren, Hl. Johannes und Hl. Maria wurden im Jahre 1977 von unbekannten Tätern aus der Kapelle gestohlen. Im Jahre 1978 wurden sie Dank einer Fotoaufnahme von der Kripo München wieder aufgefunden.

Die beiden Figuren kamen aus Sicherheitsgründen nicht mehr in die Herz-Jesu-Berg-Kapelle. Sie bekamen nach der Renovierung der Pfarrkirche 1984 dort im Chor einen neuen Platz.

Im Jahre 1984 wurde die Kapelle außen renoviert. Sie bekam die Farbe „rosa“. Dies war lt. Untersuchung wahrscheinlich die Originalfarbe.

Da die Kapelle im Innenraum sehr verschmutzt war und auch manche Schäden aufwies, entschloß sich der Kirchengemeinderat von Schelklingen, die Kapelle im gesamten Innenraum zu renovieren.

Beginn dieser Innenrenovation war der 15.05.1990. (...)

Das von Schlossermeister Müller aus Schelklingen bei der Renovation im Jahre 1893 angefertige kunstvolle Eisengitter, welches den Chor vom Schiff trennt, wurde von der Schlosserei des St. Konradihauses (Herrn Beck aus Ehingen und Hans Bohn aus Schelklingen) aus Sicherheitsgründen, im ganzen stabiler erneuert und auch erhöht. Der obere Teil des Gitters ist noch vom alten Gitter, alles andere ist neu. (...)



Hat auch die Zahl der Wallfahrer den gegenwärtigen Zeitverhältnissen entsprechend nachgelassen, so finden sich doch zu jeder Tages- und Jahreszeit dort oben – das Glöcklein verkündet’s – fromme Besucher zum stillen Gebet ein. So hat unsere engere Heimat als Zeugnis der Frömmigkeit unserer Vorfahren ein der Kriegs- und Wallfahrtskirche auf dem Herz-Jesu-Berg einen Mittelpunkt, der zum religiösen Wahrzeichen Schelklingens geworden ist und zu dem auch in Zukunft aus Stadt und Land in Freud und Leid ein nie versiegender Strom von Betern wallfahren wird.

Schelklingen, 31.12.1990

Kirchenpfleger

Helmut Schnalzger

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Im Pfarramt ist der ausführliche Text als gebundenes Heft mit weiteren schönen Fotos von Helmut Schnalzger, Ulrich Schnalzger, Franz Hecht zur Ausleihe erhältlich